
Elgersburg – ein Ort des jungen wie des alten Goethe. Obwohl ihn der offizielle Goethewanderweg von Ilmenau nach Stützerbach sprichwörtlich links liegen lässt, gehört Elgersburg als Abstecher und Ergänzung dazu. Die verbürgten Plätze lassen sich dabei mit einem Spaziergang von wenigen hundert Metern erkunden. Der Tourvorschlag macht daraus eine etwa zehn Kilometer lange, leicht abwandelbare Wanderung rund um Elgersburg. Sie führt vom Bahnhof oder dem dortigen Parkplatz über den Totenstein (Friedensstein) zum Goethefelsen im malerischen Körnbachtal. Von dort geht es über die Luisenquelle und die Piuttifelsen hinauf zur Hohen Warte (Aussichtsturm bei meinen letzten Besuchen geschlossen) und durch Fichtenwälder zum Steigereck.
Der Rückweg führt entweder (geradenwegs und bergab, aber etwas steinig) durchs Steigertal oder (ein ganzes Stück länger) über das Schöffenhaus nach Elgersburg und dort zur ehemaligen Arnoldischen Porzellanfabrik. Dabei wird der Goethewanderweg – je nach Variante – gestreift oder ein Stück gegangen. Es gibt Ausblicke ins Hügel- und Flachland vor Elgersburg, in den Thüringer Wald und zum Elgersburger Schloss, das zuletzt als Hotel betrieben wurde. Und nicht nur der Liebe wegen wird unterwegs mit Goethe gelitten, auch aufgrund von Borkenkäfer, Sturmschäden und teilweise weithin abgeholzten Flächen.
Die Landschaft trägt auch Spuren deutscher Diktaturgeschichte. Der Totenstein (bergmännisch für totes, unergiebiges Gestein) wurde vor dem Ersten Weltkrieg Bismarckhöhe genannt. In der NS-Zeit wurde ein Granitfindling zur Erinnerung an den in Berlin von Kommunisten erschossenen SA-Mann Horst Wessel aufgestellt, der sich im Sommer und Herbst 1928 zeitweilig in Elgersburg aufgehalten hatte. Nach Kriegsende wurde der Stein auf die Vorderseite gekippt, der Schriftzug „Frieden!“ eingemeißelt und der Fels in Friedensstein umbenannt. Der 1911 eröffnete Aussichtsturm auf der Hohen Warte hatte einen später belasteten Stifter und Namenspatron. Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, ein Enkel Queen Victorias und letzter regierender Herzog seines Kleinstaats, war in der Weimarer Zeit in völkischen Kreisen aktiv und nach 1933 ein prominenter Unterstützer des NS-Regimes.
Zwiespalt der Gefühle
Am 7. August 1776, im ersten Jahr Goethes in Weimar und seiner Bekanntschaft mit Charlotte von Stein, verfasste der Dichter hier einen Tag nach einem Tête-à-tête mit seiner Angebeteten in der Hermannsteiner Höhle ein später viel zitiertes Gedicht. Es formulierte die Zwiespältigkeit seiner Gefühle für die sieben Jahre ältere, verheiratete Weimarer Hofdame.
Die Verse lauten:
„Ach wie bist du mir,
Wie bin ich dir geblieben!
Nein an der Wahrheit
Verzweifl ich nicht mehr.
Ach wenn du da bist,
Fühl ich, ich soll dich nicht lieben.
Ach wenn du fern bist,
Fühl ich, ich lieb dich so sehr.“
Wo genau in Elgersburg Goethe diese Zeilen schrieb, wird unterschiedlich angegeben. Goethe selbst berichtet in seinem Brief an Frau von Stein, er habe auf „Wizlebens Felsen, die herrlich sind“ gesessen. Witzleben – das war die Adelsfamilie des Weimarer Haushofmarschalls, dem Elgersburg, das dortige Schloss und offenbar auch die Felsen gehörten. Und Goethes Tagebuch verzeichnet: „nach Tisch hohen Fels weeg! Allein.“ Damit kommen zwei Orte in Frage: der 1837 nach dem Dichter benannte und mit einer Namenstafel versehene Goethefelsen im Körnbachtal oder der Totenstein, Teil einer Felspartie, die sich zwischen Schloss und Ortskern auf der einen und dem Körnbachtal auf der anderen Seite befindet. In Elgersburg selbst identifiziert man letzteren als Entstehungsort.
Eindeutig jedoch scheint: Noch am selben Tag war Goethe kurz darauf mit dem Maler Georg Melchior Kraus und Herzog Carl August im Körnbachtal unterwegs. „Unser Klettern durch die Schlucht“, hält das Tagebuch fest. Schlucht passt für diesen Platz.
„Stirb und werde!“
Mehr als fünfzig Jahre später – an seinem 82. Geburtstag 1831 – besuchte Goethe in Begleitung unter anderem seiner beiden Enkel Wolf und Walther Elgersburg. Während die Kinder in der Arnoldischen Porzellanfabrik verweilten, besichtigte Goethe die dritte, 1809 errichtete Massenmühle im Körnbachtal. Neben dem Gebäude der ältesten in der Steigerstraße und der als technisches Denkmal erhalten gebliebenen Massenmühle am Martinrodaer Weg diente auch sie der Herstellung von Porzellanmasse. Heute existiert sie nicht mehr. Das mittlerweile verschollene Gästebuch, in das sich Goethe dort 1831 eingetragen hatte, wurde später mit einem eingeklebten Blatt ergänzt, das eine Umdichtung sowie die (leicht abgewandelten) Schlussverse aus der „Seligen Sehnsucht“ in Goethes West-östlichem Divan enthielt:
„Von Goethe.
Lange hab ich mich gesträubt,
Endlich gab ich nach!
Wenn der alte Leib zerstäubt,
Wird der neue wach.
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein müder Gast
Auf der dunklen Erde.“
TOUR AUF KOMOOT UND KARTE
* Überblick bieten digital Komoot.com und analog die Wanderkarte Ilmenau des Verlags Grünes Herz Ilmenau, ISBN 978-3-86636-336-6, für 4,95 Euro.
VERWENDETE LITERATUR UND TIPPS
* Eine Auswahl gut sortierter Quellen gibt es auf dem Goethezeitportal.de. Auch die Goethe-Gesellschaft Ilmenau-Stützerbach e.V. versammelt Material zur Verbindung Goethes mit der Region auf ihrer Website. Goethes Tagebucheinträge vom August 1776 finden Sie hier auf Zeno.org, seine Briefe desselben Jahres hier.
* Sigrid Damm schreibt im Buch „Sommerregen der Liebe“ über Goethe und Frau von Stein. Es ist 2015 im Insel Verlag erschienen und als Taschenbuch erhältlich. Auch Helmut Koopmann in „Goethe und Frau von Stein – Geschichte einer Liebe“ (C.H. Beck, München 2002, S. 93) und Jochen Klauß, „Charlotte von Stein – Die Frau in Goethes Nähe“ (Sax-Verlag, Beucha, 4. Aufl., Markkleeberg 2016, S. 137) zitieren „Ach wie bist du mir“.
* Hilfreich waren heimatkundliche Veröffentlichungen wie „Die Elgersburger Promenaden“ von Reinhard Döring (Kern-Verlag, Ilmenau 2017) und die 1998 im Donhof Verlag Arnstadt im Nachdruck erschienene „Chronik von Schloss und Ort Elgersburg im Thüringer Walde“ des Kurarztes und Badebetreibers Paul Wiedeburg (ursprünglich 1901), in denen die Namensgebungen des Totensteins bzw. die Eintragung im Gästebuch der Massenmühle diskutiert werden. Sie sind in der Stadtbibliothek Ilmenau verfügbar. Außerdem danke ich Claudia und Dr. Hartmut Wölk von der Interessengemeinschaft Edvard-Munch-Freunde Elgersburg für ihre Hinweise.
* Den Wikipedia-Eintrag über Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha finden Sie hier. Viel beachtet wurden die Studien „Hitlers adliger Diplomat. Der Herzog von Coburg und das Dritte Reich“ von Hubertus Büschel (S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016) und über Horst Wessel „Horst Wessel – Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten“ von Daniel Siemens (Siedler-Verlag, München 2009).
* Eine Ansicht des Körnbachtals mit dem Goethefelsen im 19. Jh. (und der inzwischen verschwundenen Massemühle dort) bietet diese Darstellung aus dem Bestand des Frankfurter Goethe-Museums.
BESICHTIGUNGEN
* Die erhalten gebliebene Massenmühle am Martinroader Weg wird an Tagen wie dem Mühlentag oder dem Tag des offenen Denkmals oft für Führungen geöffnet. Auch im Schloss werden zu besonderen Anlässen zuweilen Rundgänge angeboten. Informationen gibt es über die Website der Gemeinde.
VERWANDTE TOUREN
* Eine Beschreibung des benachbarten Goethewanderwegs von Ilmenau über den Kickelhahn nach Stützerbach finden Sie hier auf Poetenwege.de. Einen Sommertag mit Goethe und Beethoven verbringen können Sie in Bílina und am Bořeň in Nordböhmen.
(Stand 08/2026)















