Von Bettwanzen und Bildungsgewinnen – Auf Reisen mit Goethe und in der Goethezeit

Ausstellungsrundgang: Vor 250 Jahren kam der Dichter und weimarische Beamte zum ersten Mal nach Ilmenau am Thüringer Wald. Anlass für das dortige Goethestadtmuseum, am historischen Ort auf damalige Reiseziele, -zwecke und -umstände zu blicken.

Das wichtigste Exponat dieser Ausstellung ist das Gebäude, in dem sie stattfindet, selbst. Der Salon des Ilmenauer Amtshauses im ersten Stock diente Goethe bei seinen Aufenthalten in der Stadt am Thüringer Wald häufig als Wohn- und Arbeitszimmer. Im Mai 1776 zum Beispiel schrieb der Dichter und Beamte, wegen eines Stadtbrandes eilends hierher entsendet, seinem Dienstherrn, jugendlichen Freund und Gönner Herzog Carl August, nach einem sechsstündigen Ritt habe zuerst das Pferd des Husaren aufgegeben, der ihn begleitete, und hinter dem Dorf Bücheloh sein eigenes. Zu allem Überfluss kam noch „ein sehr spizzigs Nachtrieseln“ hinzu. Schließlich, so teilte Goethe mit, sei er „glücklich betreckt“ eingetroffen.

„Und traf endlich glücklich betreckt ein“ – so lautet auch der Titel einer Sonderausstellung, die das Goethestadtmuseum Ilmenau zum 250. Jahrestag von Goethes Ankunft in Ilmenau im Programm hat. Die kleine Schau nimmt das Jubiläum und die Ankunftsschilderung als Ausgangspunkt und blickt auf Goethes Reisen und das Reisen in der Goethezeit. Mit Texttafeln, Zeichnungen und historischen Exponaten geht es in vier Räumen um damalige Reiseziele, -zwecke und -umstände – von der Grand Tour der Hocharistokratie über Genie- und Gelehrtenreisen etwa in die Schweizer Alpen und solche mit und im Auftrag des Weimarer Hofs bis hin zu Goethes Besuchen in Ilmenau selbst, die von einem (vergeblichen) Wiederbelebungsversuch für den dortigen Bergbau, Jagdvergnügen und Hofgesellschaften, aber auch Poesie und Naturerlebnis geprägt waren.

Fußmärsche, Kutschfahrten und Schiffspassagen

Schon als Kind hatte Goethe mit dem Vater Ausflüge ins Frankfurter Umland unternommen und kam mit Gegenständen von dessen Italienreise in Berührung. Leipzig und Straßburg boten neben Studien Zerstreuung und Abenteuer. Im Harz verbanden sich seine Interessen für die Natur und den Bergbau. Die Italienische Reise, als Flucht begonnen, dauerte knapp zwei Jahre und wurde für Goethe zu einer prägenden Erfahrung. Ausflüge an Rhein und Mosel, Kurreisen ins Böhmische, Fußmärsche, Kutschfahrten und Schiffspassagen, etwa nach Sizilien – insgesamt kamen laut Ausstellung rund 40.000 Kilometer und fast 14 Jahre auf Reisen zusammen. Sie verschlangen rund 100.000 Reichstaler – ein Vermögen – und zahlten sich in Form von Bildung, Erfahrung und Inspiration aus.

„Die Reise“, zitiert die Ausstellung einen Brief Goethes aus der Schweiz an Schiller vom Oktober 1797, „gleicht einem Spiel, es ist immer Gewinn und Verlust dabey, und meist von der unerwarteten Seite, man empfängt mehr oder weniger als man hofft.“ Und weiter: „Für Naturen wie die meine, die sich gerne festsetzen und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar, sie belebt, berichtigt, belehrt und bildet.“ Der Vielreisende als einer, der gerne sesshaft geblieben wäre – das ist schon bemerkenswert.

Viele Reisende machten vor Fahrtantritt ihr Testament

Dazu gibt es Porzellane, Fläschchen und Tabatieren, Souvenirs und Ortsansichten, aber auch praktische Gegenstände, die eine Vorstellung von den Strapazen und Risiken damaligen Reisens vermitteln. Ein imposantes Paar Kutscherstiefel zeugt von den Unbilden verschlammter Wege, Kälte und körperlicher Arbeit. Eine Kavalleriepistole erinnert daran, dass auch der Krieg ein Grund war, weite Strecken zurückzulegen, ein Operationsbesteck an die Folgen. Goethe hatte 1792 am Feldzug gegen das revolutionäre Frankreich teilgenommen und die Kanonade von Valmy miterlebt. Aber auch von der Gefahr von Überfällen ist zu lesen. Viele Reisende, heißt es auf einer der Texttafeln, machten vor Reiseantritt ihr Testament.

Der Dichter geriet mehr als einmal in bedrohliche Situationen, etwa auf dem Rückzug vom Frankreichfeldzug bei einem Unwetter auf der Mosel. In der Grube Dorothea im Harz entging er nur knapp einem Steinschlag. Zu schweigen von oft unwirtlichen Bedingungen, wenn Goethe in einem Gasthof in Italien auf den Strohsack seines Freundes Philipp Hackert zurückgreifen musste, weil in der Unterkunft kein Bett vorhanden war, oder ihn auf der Durchreise in Erfurt in einem Gasthof Bettwanzen plagten.

Auch von Ilmenau gab es zunächst wenig Erfreuliches zu berichten. Beim Stadtbrand seien „nur geringe Häuser und arme Leute verunglückt“, schrieb Goethe, aber die Beteiligten eines Postkutschenüberfalls bei Frauenwald waren immer noch nicht gefasst, und die alten Öfen und Bergwerke, die er besichtigte, boten einen traurigen Anblick. Dennoch endete der Brief geradezu enthusiastisch: „Aber die Gegend“, jubelte Goethe, „ist herrlich herrlich!“

DIE AUSSTELLUNG UND TIPPS
* „,Und traf endlich glücklich betreckt ein …‘ – Goethes Ankunft in Ilmenau 1776 – Abenteuer Reisen vor 250 Jahren“ ist noch bis 13. September 2026 im Goethestadtmuseum Ilmenau zu sehen und hat Dienstag bis Sonntag, jeweils 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 6, ermäßigt 3 Euro.
* Die oben zitierten Briefe Goethes finden Sie in voller Länge hier und hier bei Zeno.org.

VERWANDTE BEITRÄGE AUF POETENWEGE.DE
* Die Tourbeschreibung für den Goethewanderweg, der vor der Haustür beginnt und über den Kickelhahn nach Stützerbach führt, lesen Sie hier auf Poetenwege.de. Um Goethe und den Borschen in Nordböhmen geht es hier.
* In der Reihe „Ort und Werk“ sind Videos mit „Wandrers Nachtlied (Ein Gleiches)“ am Goethehäuschen sowie „Felsen sollten nicht Felsen …“ in der Hermannsteiner Höhle erschienen.

(Stand 08/2026)