Wie dachte Goethe? Und was genau hat er eigentlich geschrieben? Gustav Seibts „Ein Sommer mit Goethe“ ist eine so kluge und anregende Einladung zum Klassikerlesen, dass man auch im Herbst noch zu diesem Buch greifen kann. (Und im Winter. Und im Frühling …)

Am Ende dieses Buchs stehen Gottfried Keller, sein Roman „Der grüne Heinrich“ und dessen Protagonist Heinrich Lee. Als dieser eines Abends von einem Spaziergang nach Hause kommt, findet er einen Stoß Bücher – Goethes Sämtliche Werke – vor. Ein Trödler hat sie gebracht, um sie Heinrich zur Ansicht und zum Kauf anzubieten. Der junge Mann beginnt sich festzulesen, verlässt von da an kaum noch das Lotterbett und verschlingt Dramen, Gedichte und die Romane, die „Italienische Reise“ und „Dichtung und Wahrheit“, vieles davon zweimal innerhalb von vierzig Tagen, während draußen noch einmal Winter und wieder Frühling wird. Am Ende wird der Händler einen anderen Käufer gefunden haben und die Bücher wieder auf seinen Rücken schnallen. Leser Heinrich aber blickt fortan mit „einer hingebenden Liebe an alles Gewordene und Bestehende“ auf die Welt. „Wäre ein solcher Lektüre-Umsatz“, fragt Gustav Seibt, „heute noch zu erreichen? Und würde sie heute noch so eine einschneidende Wirkung haben?“
Sein Buch „Ein Sommer mit Goethe“ selbst lädt dazu ein, wenn nicht den ganzen Goethe am Stück zu lesen, so doch, sich titelgerecht über anderthalb Monate verteilt seinen literarischen Texten auf ganz verschiedene Weise anzunähern und neugierig zu werden. In 50 kurzen Essays von jeweils wenigen, dicht erzählten Seiten eröffnet der Autor – Historiker und Germanist, Journalist im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und Mitglied des Beirats der Goethe-Gesellschaft in Weimar – mit wechselnden Themen und Perspektiven Zugänge zum Klassiker. Der Weg führt nicht in erster Linie über Biografisches, das, wie Seibt pointiert bemerkt, angesichts der Vielzahl an Veröffentlichungen den Blick auf den Autor mittlerweile fast verdecke. Im Zentrum stehen Goethes Denken und Werk: Sprache und Stil, Ideen und poetische Verfahren, Haltungen zur Welt bis hin zu den großen Fragen nach Gott, Glück, Alter und Tod.
„Modern Money Theory“ und metrische „Zeitmaschine“
Dass Goethes Denken nicht im luftleeren Raum stattfand, sondern mit seiner Zeit, seinen Erlebnissen, Begegnungen und Aufenthaltsorten verbunden war, versteht sich von selbst. Der Krönungstag Josephs II., den der 14-Jährige in Frankfurt miterlebte, die Kanonade von Valmy 1792, sein Verhältnis zu Herzog Carl August: Solche und andere Konkretionen – Seibt sagt Lebensstoff – prägten seine Erfahrungen und seinen Horizont und kommen auch im Buch vor. Dabei begegnet man dem Dichter von „Über allen Gipfeln ist Ruh …“ in der Waldeinsamkeit des Kickelhahn ebenso wie dem Bewunderer Napoleons, den er als Bändiger von Revolution und Anarchie verehrte. Äußerungen aus den Noten zum „West-östlichen Divan“, in denen eine Verherrlichung des Despotismus anklingt, stehen neben Goethes – den Hinweis im Buch kann man auch als Ehrenrettung lesen – eindringlicher Darstellung der Tyrannei und dem Hohelied der Freiheit im „Egmont“, den Beethoven kongenial in Töne gesetzt hat.
Seibt zeigt den Sprachzauberer des „Faust II“, der im Helena-Akt mit antikisierenden jambischen Trimetern und Reimformen mittelalterlicher Versepik eine „Zeitmaschine“ in Gang setzt, ebenso wie den hellsichtigen Analytiker, der aus seinen Kriegserlebnissen im selben Stück eine „Modern Money Theory“ des Papiergelds entwickelt. Da ist der Brillenphobiker und Leipziger „Fashion Victim“ genauso wie der Autor des „Werther“, der angesichts des Suizids des Stiefsohns seines Freundes Karl Friedrich Zelter von eigenen Erfahrungen mit der „Krankheit zum Tode“ spricht. „Ich weiß recht gut“, zitiert Seibt Goethes Brief an Zelter, „was es mich für Entschlüsse und Anstrengungen kostete, damals den Wellen des Todes zu entkommen; so wie ich mich aus manchem spätern Schiffbruch auch mühsam rettete und mühselig erholte.“
Vielschichtigkeit und Kontraste
Goethe erscheint nicht als statuarischer Dichterfürst, sondern vielschichtig und kontrastreich. Spannend wird es besonders, wenn Seibt den Wandel von Positionen in einem einzelnen Stück wie dem „Torquato Tasso“ – Hinwendung von der inneren Beschaulichkeit zur Außenwelt – beleuchtet oder Facetten, Bezüge und Widersprüche in Goethes Haltung zu einem Thema über mehrere Kapitel hinweg auffächert. Goethes Eingeständnis gegenüber einem Vertrauten, er habe, seitdem er Rom 1788 über den Ponte Molle verlassen habe, keinen rein glücklichen Tag mehr erlebt, steht neben der Reaktion auf ein Jean-Paul-Zitat im Stammbuch seines Enkels Walther über das „dritthalb Minuten“ währende Menschenleben, „eine zu lächeln, eine zu seufzen und eine halbe zu lieben; denn mitten in dieser Minute stirbt er“. „Ihrer sechzig hat die Stunde“, antwortet Goethe mit einer Maxime, die auch eine Selbstcharakteristik des tätigen Dichters enthalte, „Über tausend hat der Tag/ Söhnchen! Werde dir die Kunde,/ Was man alles leisten mag.“
Manchmal wünschte man sich Fußnoten oder ein, zwei erklärende Sätze mehr. Aber Seibts Betrachtungen sind prägnante Miniaturen, so glänzend wie konzentriert, und keine Seminararbeit. Ob die Lektüre dieses anregenden Buchs am Ende mit Goethe auch die Sicht auf die Welt verändert, kann jeder selbst erproben. Den Blick auf den Klassiker schärfen die Essays allemal. Robert Schröpfer
DAS BUCH, HÖR- UND LEKTÜRETIPPS
* „Ein Sommer mit Goethe“ von Gustav Seibt ist 2026 erschienen bei C.H.Beck München. Das Buch hat 272 Seiten, umfasst zahlreiche Abbildungen und kostet 25 Euro. Eine 18-teilige Radiolesung des RBB mit Ulrich Matthes gibt es noch bis 30. März 2027 kostenlos bei ARD Sounds (bitte ggf. nach unten scrollen).
* Meine Besprechung eines älteren Goethebuchs von Gustav Seibt – „Goethe und Napoleon. Eine historische Begegnung“ (2008) – lesen Sie hier im Textarchiv der taz. Außerdem erschien bei C.H.Beck vom selben Autor 2014 die Studie „Mit einer Art von Wut – Goethe in der Revolution“.
TOURBESCHREIBUNGEN UND „ORT UND WERK“
* Eine Übersicht weiterer Beiträge über Goethe auf Poetenwege.de finden Sie hier.
* „Wandrers Nachtlied (Ein Gleiches)“, gesprochen am Ort seines Entstehens, hören Sie in der Reihe „Ort und Werk“ hier auf Instagram.
* Das Bild unten zeigt die Goetheplastik von Klaus Glutting von 1994 auf dem Marktplatz von Ilmenau.
(Stand 10/2026)
