Baden und spazieren in Staré Splavy: Eine Sommerromanze, Widerstand und ein berühmter Sohn

Staré Splavy/Thammühl am See. Baden und Spaziergang, insgesamt rund fünf Kilometer Länge. Im Mittelpunkt steht diesmal nicht der Romantiker Karel Hynek Mácha, nach dem der Hirschberger Großteich auf Tschechisch Máchovo jezero oder kurz Mácháč heißt. An ihn erinnert ein offizieller Wanderweg. Es geht um den Hollywood-Regisseur Miloš Forman („Feuerwehrball“, „Einer flog über das Kuckucksnest“, „Amadeus“), seine ungewöhnliche Familiengeschichte und das Schicksal seiner Eltern in der Zeit der deutschen Okkupation.

Die kleine Tour führt von der Uferpromenade am Damm eine Treppe zur Straße Lázeňský vrch (Kurhügel/Draschen) hinauf und vorbei an der Pension Rut und den Villen Dela und Kohn bis hin zur vyhlídka Miloše Formana/Miloš-Forman-Aussicht. Wer mag, kann den Spaziergang durch ein Kiefernwäldchen zum Pláž/Strand Staré Splavy (im Sommer 100 Kč, abends frei) und am Uferweg unterhalb der Villen fortsetzen. Zurück am Damm führt eine blau markierte Route auf die Hávrany skála/Rabenstein mit Ausblick über Staré Splavy/Thammühl, den See und die Kiefernwälder der Umgebung. Eine weitere Bademöglichkeit bietet der Uferbereich an der Staumauer (Pláž u hráze, kostenlos).

Familienidyll am See

Im 19. Jh. entwickelten sich Staré Splavy/Thammühl und das benachbarte größere Doksy/Hirschberg am See zu einem böhmischen Lido. Erholungssuchende aus der k.u.k. Monarchie, später der jungen Tschechoslowakei verbrachten an dem Stausee aus dem Spätmittelalter (14. Jh.) Wochenenden und Sommerfrische. Formans Eltern, Anna und Rudolf Forman, begannen 1927 am Lázeňský vrch/Kurhügel das Sommerhotel Rut zu errichten. Bei Umbauarbeiten im Sommer 1931 lernte die Mutter einen der beiden Nachbarn und Architekten der gegenüberliegenden Villen Dela und Kohn, Otto Kohn, kennen. Im Februar 1932 wurde Miloš Forman geboren, der erst Anfang der 1960er-Jahre erfuhr, wer sein leiblicher Vater war.

„Jeden Mai überließ meine Mutter die Männer der Familie in Čáslav ihrem Schicksal und fuhr mit drei verschiedenen Zügen in sechs Stunden zum Mácha-See“, schreibt Miloš Forman in seinem Erinnerungsbuch „Rückblende“ (1994). „Sie schloss das Haus auf, jagte die Mäuse hinaus, die sich den Winter über einquartiert hatten, fegte die Spinnweben weg, wischte die toten Fliegen von den Fensterbänken, packte die eingelagerten Betttücher und Teller aus, ließ die Zimmer neu streichen, stellte einen Konditor ein. Sobald Anfang Juli das Schuljahr zu Ende war, kamen mein Vater und die Jungen nach. Sie kochten für die Gäste, verkauften Süßigkeiten an die Laufkundschaft, erledigten alle anfallenden Reparaturen, gingen im Wald spazieren, schwammen und angelten im See. Sie verlebten wunderschöne Sommer und verdienten auch Geld.“

Einschnitt deutsche Besatzung

Mit dem Münchner Abkommen und der Annexion des Sudetenlandes durch das nationalsozialistische Deutschland 1938 war es mit dem Idyll vorbei. Das damals überwiegend deutschsprachige Thammühl wurde vom Deutschen Reich annektiert, das Hotel beschlagnahmt. Rudolf Forman, Lehrer und Reservist, hatte sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen. Er wurde im Frühling 1940 vor den Augen des Sohnes von der Gestapo in der Schule am Wohnort der Familie in Čáslav verhaftet. Anna Formanová nahmen die Deutschen im August 1942 bei einer Durchsuchung im Haus der Familie fest. Bei einem Gefängnisbesuch in der Prager Gestapo-Zentrale im Herbst 1942 sah Forman seine Mutter zum letzten Mal. Sie starb am 1. März 1943 im Konzentrationslager Auschwitz im Alter von 49 Jahren, Rudolf Forman laut Totenbuch des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora am 10. Mai 1944 im Alter von 54 Jahren.

Nach Kriegsende erhielten Miloš Forman und die beiden älteren Brüder das Sommerhotel zurück. Nach der Enteignung durch die Kommunisten 1948 durfte Miloš Forman, der gemeinsam u.a. mit Václav Havel eine Internatsschule in Poděbrady besuchte, bis zu seiner Volljährigkeit ein Zimmer (Nr. 16) behalten. Das Haus wurde zum gewerkschaftlichen Erholungsheim – Forman berichtet von Teilnehmerinnen eines Schnellkurses „Modell-Stehen im Sozialismus“ und einer verhinderten Liebschaft –, bis es die Familie 1991 nach der Samtenen Revolution zurückerhielt. Bis heute wird die Pension Rut von Verwandten Miloš Formans betrieben.

Formans leiblicher Vater, Otto Kohn, war laut tschechischer Wikipedia 1938 mit weiteren mehr als 20 Angehörigen der Familie Kohn nach Frankreich geflohen und emigrierte später nach Ecuador. Die Familie der Mutter Otto Kohns (Miloš Formans leiblicher Großmutter) blieb während des Krieges in Prag und wurde von den Deutschen in Konzentrationslagern ermordet. Otto Kohn ging 1945 mit seiner Familie in die USA. Miloš Forman erfuhr durch den Brief einer früheren Mitgefangenen der Mutter davon, dass der Architekt sein Vater sei. Ein enger und anhaltender Kontakt zwischen den beiden Männern kam nicht zustande.

Sein Erinnerungsbuch „Rückblende“ hat Miloš Forman seinen Eltern gewidmet – „allen dreien“, wie er formulierte.

KARTE AUF MAPY.CZ
* Voreingestellt ist über den Link die vyhlídka Miloše Formana/Miloš-Forman-Aussicht – für einen Überblick über die Umgegend bitte herauszoomen

VERWENDETE LITERATUR UND TIPPS
* Miloš Forman/Jan Novak: „Rückblende – Erinnerungen“. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Wilhelm Heyne Verlag München 1994. (Taschenbuchausgabe, antiquarisch erhältlich)
* Beitrag zur Geschichte der Pension Rut auf der hauseigenen Website
* Eintrag über Otto Kohn in der tschechischen Wikipedia – mit einer Liste der Bauten des Architekten

FILM-LINK
* Miloš Formans „Der Feuerwehrball“ (Hoří, má panenko, 1967) – O.m.e.U. auf Youtube; leider nicht im Internet, aber sehenswert: „Die Liebe einer Blondine“ (Lásky jedné plavovlásky, 1965) mit Hana Brejchová über das Lebensgefühl junger Leute in der damaligen Tschechoslowakei

VERPFLEGUNG/EINKEHREN/PARKEN
* kiosek U přístaviště/Kiosk am Bootsanleger – Holzbau im Stil des Funktionalismus (ca. 1929), verschiedene Cafés und Restaurants
* Minimarket, Jarmilina stezka 214, Staré Splavy, Supermärkte in Doksy
* Parkoviště pod hrází/Parkplatz am Damm (30 Kč/Stunde)

BENACHBARTE TOUR
* Einen Beitrag über Karel Hynek Mácha, sein Poem „Máj“ und ein Teilstück des Mácha-Wanderwegs (vom See zum hrad Bezděz/Burg Bösig) lesen Sie hier auf Poetenwege.de.

(Stand 07/2026)