
Der Plauensche Grund im Südwesten von Dresden, wegen seiner Felswände und des einst wilden Flusslaufs der Weißeritz auch „Sächsische Schweiz im Kleinen“ genannt, galt um 1800 als ein Sehnsuchtsort der Romantik. Maler wie Adrian Zingg, Caspar David Friedrich und Ludwig Richter ließen sich hier inspirieren. Dichter und Denker wie Hans Christian Andersen, E.T.A. Hoffmann und Arthur Schopenhauer gingen hier spazieren. Die Forscher Georg Forster und Alexander von Humboldt interessierten sich für die Natur und Geologie.
Bodenschätze und Wasser wurden aber auch zu Grundlagen der Industrialisierung. Ab dem späten 15. Jahrhundert wurde Steinkohle gefördert. Steinbrüche wurden betrieben und Erzbergbauversuche unternommen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann die Wismut mit dem Uranabbau für das sowjetische Atombombenprogramm. Die Wasserkraft der Weißeritz trieb Mühlen an. Felsen wurden für den Eisenbahn- und Straßenbau beseitigt, Fabriken errichtet. Während der Name Plauenscher Grund heute zumeist nur noch den Abschnitt zwischen Dresden-Plauen und Freital bezeichnet, umfasste er früher die Gegend bis nach Tharandt. Die Dörfer im Döhlener Becken verstädterten und wuchsen ab den 1920er-Jahren zur neu gegründeten Industriestadt Freital zusammen.
Natur, Verkehr und Industrie begegnen einem auch auf der rund fünf Kilometer langen Wanderung durch den vorderen Teil des Tals. Die Strecke führt vom Bahnhof Dresden-Plauen zunächst den Fluss entlang und später auf die Höhen. Es geht durch den ehemaligen Garten des Industriellen Bienert bis zur sogenannten Hegereiterbrücke. Für den Bau der Eisenbahn wurden einst Felsen abgetragen. Die Weißeritz wurde in Mauern eingefasst. Vor Errichtung der Felsenkellerbrauerei in den 1850er-Jahren befand sich am Ende des Areals die Villa Grassi, benannt nach ihrem Eigentümer, dem vorromantischen Porträtisten Josef Mathias Grassi, der u.a. eines der bekanntesten Bildnisse von Preußenkönigin Luise schuf. Von hier aus folgt man entweder dem Coselweg weiter der Weißeritz entlang oder steigt – etwas anstrengender, aber ein Perspektivenwechsel – über die Stufen Am Eiswurmlager hinauf.
Oben geht es rechts auf dem Waldweg über dem Hang entlang, dann ein Stück des Coselwegs in der entgegengesetzten Richtung hinab (bis zur Kleingartenanlage Felsenkeller) und erneut bergan zur Heidenschanze, einem der ältesten Siedlungsorte im Raum Dresden. Nach Norden fällt der Blick auf die Autobahnbrücke, nach Südwesten auf die Collmberghalde mit Abraum des früheren Uranbergbaus. Zurück führt der kleine Rundgang oberhalb des Tals über den Dorfkern von Altcoschütz und Streuobstwiesen zum Hohen Stein, einem Felsen aus der Kreidezeit, mit dem umgebenden Park und dessen Aussichtspunkten wie der Felsenkellerbastei, von denen aus Züge und Autos im Tal ein wenig wie Spielzeug erscheinen. Sie sorgen für eine permanente Geräuschkulisse.
„Mehr Abwechslung wird man selten in einem Thale finden“
„Man fährt an der Weißeritz entlang, die dem Reisenden entgegen rauscht“, so berichtete Kleist noch im September 1800 seiner damaligen Verlobten Wilhelmine von Zenge aus dem Plauenschen Grund. „Mehr Abwechslung wird man selten in einem Thale finden. Die Schlucht ist bald eng, bald breit, bald steil, bald flach, bald felsig, bald grün, bald ganz roh, bald auf das fruchtbarste bebaut. So hat man das Ende der Fahrt erreicht, ehe man es wünscht.“
Wilhelm Müller, dessen Gedichtzyklen „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“ durch Schuberts Vertonungen berühmt geworden sind, war im Mai und Juni 1824 zwei Wochen bei seinem Freund Friedrich Graf von Kalckreuth zu Gast, der die Villa Grassi offenbar erworben hatte. In dem Kalckreuth gewidmeten Schlussgedicht „Xenion“ (Gastgeschenk) von Müllers 13-teiligem Zyklus „Frühlingskranz aus dem Plauenschen Grunde bei Dresden“ ist das später abgerissene Haus verewigt:
„Meine Muse liebt das Reisen,
Kehret gern bei Freunden ein:
Neue Wirthe, neue Weisen,
Und die neuesten sind dein.
In dem grünen Felsenthale
Hinter dem Forellenbach
Saß sie jüngst an deinem Mahle,
Unter deinem treuen Dach.
[…]“
Anschauung oder schwärmerische Imagination
Auch der junge Novalis besang die Gegend, wenngleich offen scheint, ob aus eigener Anschauung oder schwärmerischer Imagination. Sein Poem „An den plauischen Grund“ wird auf 1788/89 datiert, als der spätere Dichter und Salinenassessor noch als Heranwachsender in Weißenfels lebte. Darin vergleicht der damals 16- oder 17-Jährige den Ort mit dem griechischen Tempe-Tal, in der Antike ein Inbegriff landschaftlicher Schönheit. Lektüren von Wielands Versepos „Oberon“ (mit Hüon und Alfonsen) und der Idyllik Salomon Gessners klingen an, und das Vergissmeinnicht der dritten Strophe kann, wer will, als eine Art Vorausdeutung auf die blaue Blume der Romantik lesen:
„O! Thal, so paradiesisch schön
Dich hat Natur mit Zauberreiz geschmücket
Durch dich wird mancher Wanderer beglücket,
Und mancher frohe Musensohn entzücket
Auf deinen unbegrenzten Höhn.
Romantischer war Tempe nicht
Und nicht das Thal, das Hüon einst erquickte,
Als ihn sein Unstern zu Alfonsen schickte
Und Hunger ihn und dürftge Liebe drückte,
Durchwebt mit sanften Rosenlicht.
Dort in dem hellen Hintergrund
Liegt eine Mühle uns zu überraschen
Und dort, wo Knaben Schmetterlinge haschen,
Vergißmeinnicht des Flüßchens Fluten waschen
Seh ich ein grünes Wiesenrund.
Und jenseits wird beschränkt mein Blick
Durch nackte Felsen die die Fluten kühlen
An denen froh pigmäen Fische spielen
Und auch des Sommertages Freude fühlen
Und ihr, von mir beneidet Glück.
Doch Gesners Muse führt mich nicht
Drum kann ich nicht dein Zauberbild entwerfen
Und meinen Blick auf deine Schönheit schärfen.
Hin in den Fluß will ich den Pinsel werfen,
Denn Unterlassen ist hier Pflicht.“
Vielleicht bieten die Verse auch eine Möglichkeit, heute auf den Plauenschen Grund zu blicken: Die Mühle, „uns zu überraschen“, erscheint bei Novalis nicht als Gegensatz zur Natur. Sie gehört ganz selbstverständlich zu dem Landschaftsbild, das er entwirft, dazu.
KARTE AUF MAPY.CZ
* Voreingestellt ist per Link die Forsthausbastion – für einen Überblick über die Umgegend bitte herauszoomen.
VERWENDETE LITERATUR UND TIPPS
* Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. Auf der Grundlage der Brandenburger Ausgabe hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle. Bd. 2, Erzählungen, kleine Prosa, Gedichte, Briefe. Carl Hanser, München 2010.
* Wilhelm Müller: Werke, Tagebücher, Briefe. Hrsg. von Maria-Verena Leistner. Bd. 2, Gedichte 2. Gatza, Berlin 1994. Den „Frühlingskranz“ online auf Zeno.org finden Sie hier.
* Novalis: Schriften. Hrsg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel. Bd. 1, Das dichterische Werk. 3., nach den Handschriften erg., erw. und verb. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1977, sowie vor allem Bde. 6/1 und 6/2 Der dichterische Jugendnachlaß (1788–1791) und Stammbucheintragungen (1791–1793). Hrsg. von Hans-Joachim Mähl in Zusammenarbeit mit Martina Eicheldinger. Kohlhammer, Stuttgart 1998.
* Einen sehr guten ausführlicheren Überblicksartikel bietet Otto Eduard Schmidt: „Geschichtliches und Kulturgeschichtliches aus dem Plauenschen Grunde“. In: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, Band XVI, Heft 3–6/1927, Dresden 1927, S. 144–177 – online als PDF verfügbar im Angebot der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB).
* Mit zahlreichen Repros von Ansichten des Plauenschen Grundes versehen ist Rolf Günther et al.: „Der Plauensche Grund zwischen Romantik und Industrialisierung“. Städtische Sammlungen Freital, 1995.
* Bemerkenswert wegen seiner Fotos aus der Zeit nach dem Jahrhunderthochwasser von 2002 und eines Schwerpunkts auf der höfischen Jagd- und Festkultur im Plauenschen Grund (sowie seines kultur- bzw. naturpessimistischen Tons) ist auch Heiko Mirsch: „Plauenscher Grund – Ursprung, Geschichte, Zukunft“. Dresden 2006.
* Vor dem Hintergrund von Wismut-Uranbergbau, Staatssicherheit und Jugend in der DDR erzählt die Schriftstellerin Charlotte Gneuß ihren 2023 erschienenen Roman „Gittersee“, benannt nach dem gleichnamigen Dresdner Vorort über dem Plauenschen Grund – hier der Bericht von einer Lesung mit der Autorin, die der Betreiber dieses Blogs moderierte.
* Ein ambitioniertes und interdisziplinär angelegtes Publikationsprojekt Ende des 18. Jahrhunderts war Wilhelm Gottlieb Becker (Hg.): „Der Plauische Grund. Mit Hinsicht auf Naturgeschichte und schöne Gartenkunst“. Frauenholz, Nürnberg 1799 – hier online als E-Book der SLUB.
* Mehr zu den Gesteinsschichten am Geotop des Hohen Steins erfahren Sie auf der Internetseite des Geologischen Diensts Sachsen.
MALER, BILDER, ANSICHTEN
* Zwischen 1770 und 1830 sollen Rolf Günther et al. (siehe oben) sowie Frank Richter (unten) zufolge mehr als tausend Blätter verschiedener Künstler mit Motiven aus dem Tal entstanden sein. Blicke auf den Plauenschen Grund zum Beispiel mit der Hegereiterbrücke von Adrian Zingg und mit der Heidenschanze und dem Kupferhammer (heute Höhe Autobahnbrücke) von Johann Christian Klengel finden Sie hier bzw. hier in der Online-Collection der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
* Eine Ansicht der oben ebenfalls erwähnten Villa Grassi sehen Sie hier. Das Porträtbild Josef Mathias Grassis von Königin Luise sowie ein Selbstporträt des Künstlers sind verfügbar hier auf Wikipedia.
* Wanderrouten und Vergleichsfotos zu Motiven Caspar David Friedrichs im Plauenschen Grund, im Rabenauer Grund, in Freital, Tharandt und anderswo bietet in Druckform Frank Richter: „Wandern mit Caspar David Friedrich. Sächsische Schweiz, Tharandt & Kriebstein“. Hrsg. von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Sandstein Verlag, Dresden 2024. Einen Stich von Friedrichs „Glashütte in Potschappel“ (um 1802) finden Sie hier. Bis heute wird in Freital-Potschappel Glas hergestellt.
* Einen Flyer des Projekts „Freiluftkunstraum“ im Plauenschen Grund von 2011/12 gibt es hier. Der Künstler Christoph Rodde trat als Personifikation des Tals in einem Felsgewand auf.
AUSSTELLUNGEN UND VERPFLEGUNG
* Im Museum Hofmühle Dresden in der Bienertmühle neben dem Bahnhof Dresden-Plauen geht es um das Industriegebäude aus dem 19. Jh. und die Entwicklung des einstigen Dorfs und heutigen Stadtteils. Über Kunst u.a. der Romantik, Steinkohlebergbau und Industrialisierung des Döhlener Beckens informieren etwas weiter entfernt die Städtischen Sammlungen Freital auf Schloss Burgk (mit Sammlung Pappermann und Besucherbergwerk). Nicht zuletzt ist der Plauensche Grund selbst an vielen Orten mit Infotafeln versehen.
* Bioladen der Verbrauchergemeinschaft am Bahnhof Dresden-Plauen, Gastronomie, Imbiss, Bäcker am F.-C.-Weiskopf-Platz, Gasthof Coschütz in Altcoschütz
VERWANDTE BEITRÄGE AUF POETENWEGE.DE
* Novalis’ „An den plauischen Grund“, gesprochen am Hohen Stein, hören Sie hier.
(Stand 10/2026)
















