
Doksy/Hirschberg am See. Rund 10 Kilometer Wanderung, ein Teilstück des Máchawanderwegs, zwischen Hirschberger Großteich und hrad Bezděz/Burg Bösig. Für Tschechinnen und Tschechen sind beide Orte so eng mit dem Romantiker Karel Hynek Mácha verbunden, dass nicht nur die Route, sondern gleich auch der See und die ganze Gegend – eine beliebte Ferienregion – seinen Namen erhalten haben: Máchovo jezero und Máchův kraj, Mácha-See und Mácha-Land.
Karel Hynek Mácha (Jg. 1810) gilt als Tschechiens Nationaldichter, auch wenn er zeit seines kurzen Lebens (er wurde nur 26 Jahre alt) verkannt blieb. Der Romantiker erfuhr größere Anerkennung erst postum in den 1850er-Jahren bei einer jüngeren Generation um Jan Neruda, die sich für seine sprachliche Radikalität begeisterte, und avancierte in der Folge zu einem Vorbild der Moderne und zugleich zu einem nationalen Symbol. (Teilweise vom Sockel geholt wurde er in den 1990er-Jahren, als Tagebucheintragungen über sein Intimleben veröffentlicht wurden.)
Räubergeschichte und Liebesdrama
Sein Hauptwerk, das Poem „Máj“ (1836), ist inspiriert von einem Schuss Byron und zwei realen Begebenheiten aus der Umgebung: der Hinrichtung des Vatermörders Ignaz Schiffner aus Dubá/Dauba, der aus Liebesgründen in Streit mit seinem Vater geraten war, und dem Räuberhauptmann Václav Kummer, der sich zu Máchas Zeit bereits in Haft befand. Im Gedicht wird daraus – vielleicht ein wenig konstruiert, aber Anlass für große Gefühle – ein zum Tode Verurteilter, der einen Nebenbuhler erschlug und erst im Nachhinein erkennt, dass der Erschlagene sein eigener Vater war, der ihn einst verstoßen hatte.
Der Verurteilte durchlebt die letzte Nacht vor der Vollstreckung. Die Kindheit und Jugend, die Geliebte ziehen noch einmal vor seinem inneren Auge vorüber. Mácha erweist sich als sprach- und bildmächtiger Dichter: Das Poem ist geprägt von einem scharfen Kontrast zwischen aufblühender Natur und ausweglosem Ende – eine Mischung aus Lebensbejahung und Illusionslosigkeit gegenüber (wenig christlich gemeinter) Vergänglichkeit und existenzieller Verlorenheit.
In der Neuübertragung von Ondřej Cikán:
„Oh schöne – schöne Zeit!
Es zerrte sie ihm fort der Jahre Grausamkeit.
Wie ein Schatten erstirbt, weit ist auch jener Traum,
Bild einer weißen Stadt tief unter Wogenschaum,
Wie der Verstorbenen letzter Gedanke bricht
So ihre Namen auch, uralter Schlachten Wut,
Ferner nördlicher Schein, sein verloschenes Licht,
Berstender Harfe Ton, reißender Saite Sang,
Zeit vergangener Welt, toter Gestirne Flut,
Letzte Kometenbahn, toter Geliebten Glut,
Längst vergessenes Grab, Ende der Ewigkeit,
Kältesten Feuers Rauch, schmelzender Glocke Klang,
Das der Verstorbenen herrliche Kinderzeit.
Es ist spät Abend – zweiter Mai –
Abends der Mai ist Liebeszeit.
Das Täubchen ruft zur Lieb herbei:
,Wilhelm! Wilhelm!! Wilhelm!!!'“
Schauplätze am Seeufer
Mácha fasste die Schauplätze am (im Text namenlosen) See zusammen. Wie er die Gegend durchwanderte und literarisch verwandelte (und sich im Epilog als lyrisches Ich namens Hynek schließlich selbst mit einschrieb), so kann man heute mit seiner Literatur durch die Landschaft ziehen: Von der Jarmilina skála/Jarmila-Felsen am Ausgang des Strands von Staré Splavy stürzt sich die Geliebte, die seit Tagen vergebens auf ihren Vilém wartet und vom Urteil erfährt, in die Fluten. Den „weißen Turm“ des Kerkers hat Mácha offenbar von Mladá Boleslav/Jungbunzlau nach Doksy verlegt, wo es dafür keine reale Entsprechung gibt.
Als Šibeniční vrch/Galgenhügel gilt der örtliche Čepelský vrch/Tschöpelberg, der historisch tatsächlich als Hinrichtungsstätte diente. Er ist als Abstecher vom Wanderweg an der Brücke über die später hinzugekommene Eisenbahnlinie ausgeschildert. Die Březová alej/Birkenallee dorthin – heute stehen hier vor allem Ahorn, Buchen und Eichen – wird auch Alej vzdechů/Seufzerallee genannt und verläuft parallel zu den Gleisen. Und über allem thront hrad Bezděz/Burg Bösig, die nach einem Marsch durch ausgedehnte Kiefernwälder (rote Markierung) zu erreichen ist und einen weiten Rundblick bis hin zu Říp/Georgsberg, hrad Hazmburk/Ruine Hasenburg, Milešovka/Milleschauer und Ještěd/Jeschken bietet.
Auf den Bösig und zur weißen Frau
Mácha siedelt hier auch seine Erzählung „Večer na Bezdězu“ (Abend auf dem Bösig, 1834) an, in der er über die Lebensalter nachdenkt und seinen Ich-Erzähler beim Abstieg einer weißen Frau mit einem Kindersarg begegnen lässt. In einem Notizbuch hielt Mácha 1833 Eindrücke fest, die sich später in der Geschichte wiederfinden:
„Auf dem Bösig. Über mir Wolken wie eine Herde von Schäfchen, hinter den Bergen jedoch nur eine schwarze Wolke, düsterer als die dunklen Schatten oben. Wind wehte die schon gelb gewordenen Blätter hin und her. Kühe. Ein Sonnenstrahl. Ein Regenbogen, ein Stück wie ein Gemälde in einem schwarzen Rahmen. Das Inselchen im Hirschberger See, eine Landstraße – kleine Dörfer. Ein Steinpilz. Hinter den Bergen ging gerade die Sonne der fernen Welten auf; – unsere ist untergegangen.“
Kurz darauf verließ er die Burg: „Der letzte Schimmer durch einen Wolkenriss, als ich herabstieg, beim dritten Tor; Kapellen, Reflexionen. Die Abendglocke beim zweiten Tor. Ruhe suchend in einem Gasthof, verirrte ich mich auf den Friedhof: ,Wo unter den Grabhügeln die stillen Toten schlafen.‘“ (Aus dem Tschechischen von Natascha Drubek-Meyer)
Die Mácha-Gedenkstätte im Fachwerkhaus Hospitálek/Spitalhaus in Doksy war bei meinem Besuch geschlossen. In einem Parkstück in der Valdštejnská/Waldsteinstraße steht ein Mácha-Denkmal. Eine weitere Skulptur (Foto unten), die sich an der Jarmilina skála befand, wurde nach der deutschen Annexion des Ortes im Herbst 1938 gestürzt und ins Wasser geworfen, von Tschechen geborgen und im Juni 1939 im nahen Bělá pod Bezdězem/Weißwasser unter dem Bösig wieder aufgestellt. Steht man davor, meint man, noch immer Spuren einer Reparatur zu erkennen.
KARTE AUF MAPY.CZ
* Der gesamte Mácha-Weg findet sich auf Mapy.cz. Der Text oben beschreibt ein Teilstück – zwischen Jarmilina skála (nahe pláž Staré Splavy) und hrad Bezděz.
ÖFFNUNGSZEITEN HRAD BEZDEZ UND RÜCKWEG
* Die Burgruine (13. Jh.) hat im Sommer Dienstag bis Sonntag, 9.30 bis 17 Uhr geöffnet, Eintritt 180 Kč.
* Rückweg zu Fuß – oder mit dem Regionalzug ab Bahnhof Bezděz (2,5 km ab Ortsmitte, blaue Markierung) Richtung Česká Lípa, Doksy 40 Kč, Staré Splavy 44 Kč, tagsüber in etwa stündlich.
VERWENDETE LITERATUR UND TIPPS
* Karel Hynek Mácha: „Mai – Romantisches Liebesepos lautmalerisch übersetzt von Ondřej Cikán“ (zweisprachige Ausgabe), Verlag Kētos, Wien und Prag 2020. Mit einem aufschlussreichen Nachwort des Übersetzers. Eindrucksvoll ist auch diese Video-Lesung mit ihm auf Youtube.
* Karel Hynek Mácha: „Der Mai“. Aus dem Tschechischen übersetzt von Eduard Neumann. Karlsbad 1933 (verfügbar in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig), textgleich mit Karel Hynek Mácha: „Mai“ (zweisprachige Ausgabe). Mit Radierungen von Ernst Lewinger, Edition Bubo, Dresden 2006 (bibliophil, in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden).
* Karel Hynek Mácha: „Die Liebe ging mit mir …“ – Prosa, Poesie, Tagebücher. Ausgewählt von Natascha Drubek-Meyer (= Band der Tschechischen Bibliothek). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und München 2000 (enthält u.a. „Mai“ in der Übertragung von Otto F. Babler, eine Übersetzung des „Abends auf dem Bösig“ und die oben zitierte Notiz, antiquarisch erhältlich).
* Eine sehr gute Übersicht über Biografie, Denkmale, Literatur und deutsch-tschechische Perspektiven bietet Literaturlandschaften.eu von TU Dresden, TU Liberec, Uni Ústí nad Labem und Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden.
EINKEHREN/VERPFLEGUNG/BOOTSFAHRT UND BADESTELLEN
* Penny, unweit der Mácha-Gedenkstätte in Doksy, sowie privater Lebensmittelladen links am Beginn der Komenského, ebenfalls nahe der Gedenkstätte
* Gastronomie in Doksy und im Ort Bezděz
* Baden am pláž Staré Splavy und Hlavní pláž 100 Kč zzgl. Parken, abends frei, Strand am Zeltplatz/kemp Borný 40 Kč zzgl. 60 Kč Parken
* Bootsfahrten mit „Máj“, „Jarmila“ und „Hynek“ auf dem Mácha-See
VERWANDTE TOUREN
* Auf Poetenwege.de gibt es eine weitere Tourbeschreibung am Mácha-See. Sie handelt von Hollywood-Regisseur Miloš Forman, den Sommern seiner Kindheit und Jugend in Staré Splavy und der Geschichte seiner Familie.
* Eine Wanderung über Karel Hynek Mácha und seinen frühen Tod in Litoměřice/Leitmeritz ist in Vorbereitung.
(Stand 07/2026)













