„Ort und Werk“: Goethe, Felsen sollten nicht Felsen, gesprochen in der Hermannsteiner Höhle

Die Reihe „Ort und Werk“ stellt Gedichte und andere literarische Texte vor, gesprochen an Schauplätzen der Handlung, dem jeweiligen Ort ihres Entstehens oder – wie in diesem Falle – dem Platz, für den sie gemacht sind.

Goethe sendete das titellose Gedicht am 24. Juni 1784 an Charlotte von Stein. Er habe es der Hermannsteiner Höhle zugedacht. Lange zuvor, am 6. August 1776, im ersten Jahr Goethes in Weimar und beider Bekanntschaft, war die Felskammer am Fuß des Großen Hermannsteins Ort eines Tête-à-tête zwischen dem 26 Jahre alten Dichter und neu ernannten Geheimen Legationsrat und der sieben Jahre älteren Angebeteten. Damals hatte er ihr einige Tage später das Gedicht „Ach wie bist du mir, wie bin ich dir geblieben“ gewidmet, das den Zwiespalt seiner verbotenen Liebe zu der verheirateten Frau formuliert.

Im vorliegenden Gedicht – zwei Distichen, jeweils aus Hexameter und Pentameter gebaut – scheint der „Resignationstopos“, wie ihn die Literaturwissenschaft Goethes Liebenslyrik jener Zeit bescheinigt, kaum enthalten (bzw. nach der Zäsur im Vers quasi aufgehoben), und Goethebiografen wie Helmut Koopmann in seinem Buch „Goethe und Frau von Stein – Geschichte einer Liebe“ fragen sich, welche Hoffnung da erfüllt worden sei. „Oder hatte er sich, was seine Beziehung zu Charlotte anging, in ein Ideal verstrickt, dem nichts Tatsächliches mehr entsprach?“

👉Das Video finden Sie hier auf Instagram, die dazugehörige Tourbeschreibung hier.

Einen Tag zuvor, am 23. Juni 1784, hatte Goethe Charlotte von Stein bereits ein anderes Gedicht gesendet. Dessen Verse lauten:

„Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge
Ist bei mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz
Ich vertrau es dem Felsen damit der Einsame rathe
Was in der Einsamkeit mich was in der Welt mich beglückt.“

Diese Zeilen, für die Goethe selbst im Juni 1784 noch keinen geeigneten Felsen gefunden hatte, sind laut Goethezeitportal.de seit 1876 über der Hermannsteiner Höhle auf einer Eisengusstafel zu lesen, auf einer zweiten, die 1901 angebracht wurde, „Felsen sollten nicht Felsen …“, das sich der dichtende Liebende damals in seinem Brief an Frau von Stein hierher gewünscht hatte.