„Wir sind nicht geboren, um zu schwimmen. Wir sind geboren, um zu laufen“, schreibt der Autor Bernd Brunner gleich am Anfang seines Buchs. Aber manchmal ist es im Wasser auch ganz schön. Unter dem Titel „Abtauchen und treiben lassen“ geht es einmal quer durch die Geschichte des Badens und Schwimmens. Auch Dichterinnen und Denker sind dabei.

Ihre Wege führen Dichterinnen und Denker nicht nur über Land und zuweilen über Wasser, zum Beispiel mit dem Schiff, sondern manchmal auch mitten hindurch. Lord Byron etwa, durch eine verkürzte Achillessehne beim Gehen eingeschränkt, war ein trainierter Schwimmer. In Venedig lieferte er sich Wettschwimmen im Canal Grande. Bei einer Reise an die Hohe Pforte inspirierten ihn antike Vorbilder. Wie der Leander der Sage nach nachts den Hellespont zu seiner verbotenen Geliebten Hero durchquerte, so bezwang auch der englische Dandy und Poet den Meeresarm mit eigener Kraft. Nach einem wegen Nordwinds und starken Seegangs abgebrochenen Versuch durchschwamm er das Gewässer am 3. Mai 1810 im zweiten Anlauf, „wie er für die Liebe – so ich für den Ruhm“.
Und auch von Goethe ist eine Leidenschaft fürs Schwimmen wie für Bewegung überhaupt überliefert. Der Dichterfürst schlug Purzelbäume, wanderte in den Schweizer Bergen, ging mit Schlittschuhen aufs Eis und schwamm in Lausanne und am Genfer See, im Tiber und daheim in Weimar. Das eigens angeschaffte Outfit saß dabei allerdings nicht immer. Carl von Stein, ältester Sohn von Goethes Angebeteter Charlotte von Stein, erinnerte sich an einen Vorfall auf einer Wiese nahe der Ilm. Vor den Augen von Damen sprangen ein paar Knöpfe vom Schwimmanzug des Dichters auf und enthüllten „etwas Großartiges des Körpers an dem großartigen Geiste […], was er jedoch sorgfältig verhüllt glaubte“.
„Abtauchen und treiben lassen“ lautet der Titel des ebenso unterhaltsam wie kenntnisreich und elegant erzählten Buchs von Bernd Brunner, das mit diesen beiden und vielen weiteren Begebenheiten aufwartet. Auf rund 190 Seiten führt der Autor, versiert mit einschlägigen Veröffentlichungen zwischen Kulturgeschichte, Wissenschaft und Literatur, durch die Geschichte des Schwimmens und Badens – von Höhlenzeichnungen mit mutmaßlichen Schwimmern aus der frühen Menschheitsgeschichte bis hin zu heutigen Schwimmer-Stars wie Michael Phelps und David Popovici.
„Jenes Heilbad, das züchtigen Damen/ stets nur Gefahren bringt“
Schon im alten Rom erscheint das Baden und Schwimmen als ein Brennpunkt, um den herum sich gesellschaftliche Themen und menschliche Bedürfnisse bündelten. Dabei geht es nicht nur um Körpergefühl, Selbstemanzipation und -inszenierung oder heilsame Wirkungen des Badens (siehe oben). Elegiendichter Properz bittet seine in Baiae am nordwestlichen Rand des Golfs von Neapel weilende Cynthia inständig, zurückzukehren aus „jene[m] Heilbad, das züchtigen Damen/ stets nur Gefahren bringt“. Es ging um Befürchtungen sozusagen moralischer Natur.
Das erste Schwimmlehrbuch der frühen Neuzeit – „Über die Schwimmkunst“ von Nikolaus Wynman (Augsburg 1538) – kam auf den Index, weil der Verfasser der Krone der Schöpfung die Bewegungsabläufe des Froschs zum Vorbild empfohlen hatte. Um die Leibfeindlichkeit des katholischen Mittelalters zu besänftigen, wurden vielfach Nützlichkeitserwägungen ins Feld geführt. Schwimmen zu lernen konnte ja tatsächlich Ertrinken verhindern und erschien auch militärisch geboten. In der Folge kam eine Vielzahl an Lehrbüchern mit teils halsbrecherischen Positionen und zweifelhaften Hilfsmitteln, etwa pedalgetriebenen Propellern auf den Markt, was dem Siegeszug des Schwimmens trotzdem keinen Abbruch tat.
Kraulen mit Robert Musil, Badgestaltung von Max Frisch
Brunner, der sich selbst als Freibadgänger zu erkennen gibt, ist seinen Leserinnen und Lesern ein belesener und kurzweiliger Cicerone durch die Tiefen und Untiefen seines Themas und lässt auch Eisbaden, Rettungs- und Synchronschwimmen, das Turmspringen und den Chlorgeruch im Hallenbad nicht aus. Immer wieder würdigt er Literaten und Literatur, etwa wenn es um Lichtenbergs Begeisterung für englische Seebäder oder Robert Musils Faible fürs Kraulen geht. Auch Virginia Woolf, Kafka und die Familie Mann (wenn auch nur kurz) kommen vor. Der Autor erinnert an die fortschrittliche Schwimmerin Annette Kellerman und an das Schicksal des jüdischen Schwimmsportlers und Auschwitzüberlebenden Alfred Nakache, dessen Frau und Tochter im Vernichtungslager ermordet wurden.
Sport und Schwimmen als Vehikel politischer Selbstdarstellung und Zeichensetzung, den greisen Mao im Jangtse oder Bundesumweltminister Klaus Töpfer 1988 beim Sprung in den Rhein wird man allerdings vergebens suchen. Dafür geht es viel und oft pointiert um Emanzipation (bis hin zur heutigen Koexistenz der konträren Bademoden „Oben ohne“ und Burkini in Tourismus-Hochburgen) und um „Schwimmbäder als Utopie“ im Sinne eines angeblich klassenlosen Freizeitorts. Der Autor zitiert aus dem berühmten Fragebogen von Max Frisch, als Architekt Gestalter des Sommerbads Letzigraben in Zürich: „Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: Woran erkennen Sie den Reichen?“ Und fügt hinzu: „Eine Antwort gab Frisch selbst wohlgemerkt nicht.“ Robert Schröpfer
DAS BUCH
* „Abtauchen und treiben lassen – Die Geschichte des Badens und Schwimmens“ von Bernd Brunner ist 2026 erschienen bei HarperCollins Deutschland. Das Buch hat 192 Seiten, umfasst zahlreiche Abbildungen und kostet 22 Euro.
* Das Goethe-Kapitel (im Magazin des Rotary Clubs) und einen Auszug über „Moral am Strand“ in der Zeitschrift „Geo“ finden Sie hier beziehungsweise hier als Leseprobe.
* Die Elegie des Properz gibt es hier, Lord Byrons Poem „Written After Swimming From Sestos To Abydos“ hier. Wer es kühler mag: Einen Essay über Goethes Passion fürs Schlitt-, pardon: Schrittschuhlaufen lesen Sie im Blog der Klassik Stiftung Weimar.
VERWANDTE TOURBESCHREIBUNGEN
* Wanderungen mit Bademöglichkeit führen mit Goethe und Beethoven nach Bílina/Bilin am Bořeň/Borschen, mit Miloš Forman nach Staré Splavy/Thammühl am See und mit Karel Hynek Mácha an die Jarmilina skála/Jarmilafelsen am Mácha-See.
Transparenzhinweis: Der Rezensent hat ein Rezensionsexemplar des Buchs und die Repro unten vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen.
Sie zeigt eine Abbildung aus Oronzio de’ Bernardis „Vollständigem Lehrbegriff der Schwimmkunst auf neue Versuche über die spezifische Schwere des menschlichen Körpers gegründet“, Weimar 1797. Quelle: HarperCollins – mit freundlicher Genehmigung
(Diese Rezension ist erschienen im August 2026 auf Poetenwege.de.)
